Von der Autobatterie in die Hauswand

Von der Autobatterie in die Hauswand

Stellen Sie sich vor, Ihre alte Autobatterie wird eines Tages Teil der Wand, in der Ihre Steckdose sitzt. Klingt unwahrscheinlich? Ist es aber nicht, denn das passiert jeden Tag.

Lithium-Batterien in Deutschland entsorgen: So geht es sicher und richtig Sie lesen Von der Autobatterie in die Hauswand 4 Minuten

Warum die Blei-Säure-Batterie ein Recycling-Wunder ist

Die Blei-Säure-Batterie hat keinen guten Ruf. Schwer, altmodisch, angeblich überholt. Dabei wird keine andere Produktgruppe so konsequent recycelt wie sie. Die Recyclingquote liegt bei 99 Prozent. Ein Wert, mit dem nicht einmal Glas, Papier oder Weißblech mithalten können.

Der Grund dafür ist simpel. Das Batteriepfand von 7,50 Euro sorgt dafür, dass kaum eine alte Autobatterie im Hausmüll landet. Und weil Blei als Rohstoff Geld wert ist, lohnt sich das Recycling wirtschaftlich von selbst. Das Einschmelzen von altem Blei verbraucht bis zu 65 Prozent weniger Energie als der Abbau von neuem Blei im Bergwerk. Das bedeutet, dass jede zurückgegebene Batterie Energie und CO₂ spart. Ohne dass jemand dafür extra zahlen muss.


Wie Batteriesäure zu Baustoff wird

Wenn eine alte Autobatterie über den Handel oder Wertstoffhof zurückgegeben wird, beginnt ein präzise getakteter Prozess. Zunächst wird die Batteriesäure, eine verdünnte Schwefelsäure, abgelassen und getrennt aufgefangen.

Anschließend wird die Batterie geschreddert: Die Bleiplatten, -gitter und -anschlüsse werden eingeschmolzen und zu Barren gegossen, die direkt für die Herstellung neuer Batterien genutzt werden. Das Polypropylen-Gehäuse wird zerkleinert und als Kunststoffgranulat aufbereitet. Daraus entstehen unter anderem neue Batteriegehäuse, Mülltonnen oder Pflanzgefäße.

Die abgelassene Schwefelsäure durchläuft einen eigenen Verwertungsweg: Sie wird mit Kalkmilch (Calciumhydroxid) neutralisiert. Bei dieser chemischen Reaktion entsteht Calciumsulfat-Dihydrat – besser bekannt als Synthesegips. Dieser wird als hochwertiger Sekundärrohstoff direkt an die Bauindustrie weitergegeben. Das Ergebnis: Aus einer verbrauchten Autobatterie gehen drei vollständig verwertete Materialströme hervor, und so gut wie nichts landet auf der Deponie.


Wo landet dieser Gips am Ende?

Der entstandene Synthesegips ist kein Abfall, sondern ein gefragter Rohstoff, der auf verschiedenen Wegen in der Bauindustrie landet:

  • In den Wänden von Neubauten: Synthesegips wird zu Gipskartonplatten (Rigips), Putzgips und Estrich verarbeitet. Die Wände in Ihrem Büro oder Ihrer Wohnung bestehen zu einem guten Teil aus Material, das ursprünglich als Batteriesäure im Motorraum saß.
  • Als Abbinderegler im Zement: Ein weiterer Abnehmer sind Zementwerke. Ohne einen Gipszusatz würde Zement innerhalb weniger Minuten hart werden. Viel zu schnell, um ihn auf einer Baustelle sinnvoll zu verarbeiten. Synthesegips aus Batteriesäure verlangsamt diesen Prozess und gibt dem Beton die Zeit, in Form gebracht zu werden.
  • In der Glasindustrie: Ein weiteres Nebenprodukt des Recyclingprozesses ist Natriumsulfat. Es entsteht bei der Aufbereitung der Bleiplatten. Dieses wird in der Glasindustrie verwendet, zum Beispiel zur Herstellung von Flachglas für Fenster.

Funktioniert das bei allen Batterien?

Nein und das ist ein wichtiger Punkt. Dieser Kreislauf funktioniert ausschließlich bei Blei-Säure-Batterien. Bei der klassischen Nassbatterie und der EFB liegt die Schwefelsäure frei flüssig vor und wird beim Recycling einfach abgelassen.

Die AGM-Batterie funktioniert etwas anders: Hier ist die Säure vollständig in einem Glasfaservlies gebunden. Sie kann nicht abgelassen werden. Stattdessen wird die gesamte Batterie geschreddert, das Vlies mechanisch vom Rest getrennt und die Säure anschließend aus dem Glasmaterial herausgelöst.

Das Ergebnis ist dasselbe: Die Schwefelsäure landet auf demselben Verwertungsweg wie bei allen anderen Blei-Säure-Typen.

Anders sieht es bei Lithium-Ionen-Batterien aus, wie sie in Elektroautos verbaut sind. Sie enthalten keine Schwefelsäure, sondern organische Elektrolyte. Ihr Recycling folgt völlig anderen Regeln.

Das ist auch der Grund, warum die Blei-Batterie trotz ihres schlechten Rufs ein Recycling-Erfolgsmodell ist.


Fazit: Ein stiller Kreislauf, der funktioniert

Die alte Autobatterie endet nicht auf dem Schrottplatz. Sie beginnt dort neu. Was jahrelang im Motorraum zuverlässig Strom geliefert hat, wird zu frischem Blei, zu neuem Kunststoff und zu dem Material, das morgen in Wände gegossen, verputzt oder als Fenster eingebaut wird.

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